Muss ich mich selbst zerstören, um die Welt zu retten?

Muss ich mich für die Rettung der Welt selbst zerstören? Bin ich prädestiniert für Leid und Stress, wenn ich mich mit der Klimakatastrophe auseinandersetze?

Gewissermaßen ja. Je mehr, je intensiver ich mich mit apokalyptischen Klimastudien auseinandersetzte, desto mehr fühlte ich Verzweiflung, Hilflosigkeit angesichts dessen, was uns als Menschheit bevorsteht. Aufgewachsen und sozialisiert in einer globalisierten Gesellschaft kann ich nicht umhin, die Menschheit im Gesamtkontext zu betrachten, mich mit dem Leid und der drohenden Zerstörung auf unserem Planeten zu verbinden. Ich fühle mich oft allein verantwortlich, denke, mit dem nächsten Handlungsschritt werde die Welt sichtbar besser, es geht nur noch um die Welt und die Eigenverantwortung. Oft passiert es, dass Menschen auf andere zeigen und sich gegenseitig den Vorwurf „Mach doch du mal mehr…“ an den Kopf werfen. Doch damit ist weder dem Klima, noch der Menschheit geholfen. Im Gegenteil. All dies beruht auf einem Konkurrenzdenken, einem ständigen Selbstvorwurf und einem Handlungsdruck, welcher nicht nur jegliche Kreativität blockiert, sondern zu Depression, Burn-Out und permanenter Erschöpfung führt.

„Wenn ich in die Welt schaue, dann denke ich, dass die Dinge ganz schön aus dem Ruder gelaufen sind.“ Sagt Viktor, ein junger Aktivist von Extinction Rebellion in einem Workshop zum Thema „Wie die Klimakrise uns psychisch belastet“. Eine junge Frau erzählt unter Tränen von ihrer Liebe zur Natur und den Vögeln, von ihren Kindern und der ständigen Frage, wie in deren Zukunft die Menschheit leben werde. Die düsteren Prognosen sind von Stürmen, Flutwellen, untergehenden Städten, Nahrungsmittelknappheit und mangelndem sauberen Trinkwasser in Europa, überall auf der Welt geprägt. In der menschlichen Psyche gibt es verschiedene Muster, mit solchen Fakten und Bildern, welche so schwer fassbar sind, umzugehen. Meistens werden Angstgefühle, Wut und Verzweiflung entweder rationalisiert durch das Lernen von Fakten, oder die Wut wird auf Andere verlagert, dort wird Schuld gesucht. Manche Menschen ziehen sich ganz zurück, fühlen sich gelähmt. So kann die Sorge uns einerseits ins Handeln bringen, oder sie kann auch obsessiv werden, uns in Panik versetzen. Die meisten Menschen bringt Angst nicht weiter, denn sie reißt jeden Anker, der im Leben gesetzt wurde, mit sich. Haltlosigkeit, das neue psychologische Phänomen „Klimaangst“ sind mögliche Folgen.

Unter Aktivist*innen ist oft ein Resultat-Denken etabliert: „Erst wenn sich etwas verändert, dann habe ich etwas geleistet.“ Diese Denkmuster sind mir auch sehr vertraut, besonders aus der Abiturzeit, wo nur sichtbare Leistung, zeigte, ob ich wirklich „gearbeitet“ hatte. Der Lernprozess, die Tatsache, dass es sich im Leben selten um Sprints, sondern meist um Marathons handelt, wird dabei völlig außer Acht gelassen. Manchmal, wenn ich nach einem arbeitsreichen Tag etwas nur für mich tue, habe ich Schuldgefühle, denke, ich hätte nichts geschafft, und wäre egoistisch. Das flüstert mir zumindest mein böses Stimmchen ins Ohr. Gleichzeitig ist mir evident, dass ich mir, der Welt und den anderen weder helfen, noch bei ihnen sein kann, wenn ich mich überarbeite, außer mir bin und nur an Leitung und Ergebnis denke. Und das im Aktivismus, wo doch so oft über Nachhaltigkeit gesprochen wird (so ausgelatscht das Wort auch sein mag…).

Wenn ich ständig versuche, andere von meiner Meinung zu überzeugen, dann kann das ziemlich abschrecken, zu Protesthandlungen führen. So auch bei meinem autistischen Bruder. Als ich Veganerin wurde, und ihm immer wieder versuchte zu erklären, dass er wenigstens kein Billigfleisch aus Massentierhaltung kaufen solle, begann er mir blutrünstige Geschichten zu erzählen, welches Reh er als nächstes schlachten wolle. Diese einerseits völlig lächerliche, andererseits für mich psychisch belastende Protestreaktion ist weit verbreitet. In meiner Familie löste sich das Thema ein wenig, nachdem ich an einem Familienabend darauf bestand, den Dokumentarfilm „Cowspiracy“ anzuschauen, und, nachdem ich in Tränen ausgebrochen war, als ich meinen Bruder mit einer Maxipackung billiger Wienerwürstchen im Flur antraf. Er verstand das erste Mal meine emotionale Betroffenheit und seitdem spricht er nicht mehr über Fleisch in meiner Gegenwart und kauft ganz selten ein Biowürstchen, ganz heimlich natürlich. Diese erste Reaktion, des ständigen Thematisierens, die Witze, und der demonstrative Fleischkonsum sind Protesthandlungen, welche ich in unserer Gesellschaft sowohl beim Klimaschutz, als auch bei anderen politischen Themen beobachte.

Doch wie kann ich mit der Belastung der Klimakatastrophe, den apokalyptischen Prognosen, dem Leid umgehen? Hierfür gibt es kein Patentrezept, denn die ist so individuell wie jede*r Einzelne von uns. Doch die meisten Menschen, auch ich selbst, brauchen eine Gruppe, in der sie sich angenommen fühlen, wo sie nicht ständig infrage gestellt werden, wo sie als Mensch gesehen und geschätzt werden. Gleichzeitig stehen wir heute vor der Herausforderung in der Unsicherheit leben zu lernen. Eine Offenheit für das, was auf uns zukommt und eine große Vision zu haben. Vielleicht haben wir heute verlernt, groß zu träumen, aber das können wir wieder lernen. Das Einzige, was wir heute wirklich falsch machen können ist zu klein zu Denken und die Visionen unserer Zukunft durch Realpolitik begrenzen zu lassen. Diese Denkweise hat uns zum Teil in die Krise gebracht, und wie Einstein schon sagte: „Man kann die Probleme von heute nicht mit der selben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Wenn ich sage, wir müssen lernen, in Unsicherheit zu leben, dann meine damit ich nicht, dass wir so Leben sollten, als käme nach uns die Sintflut, weiter zu konsumieren und nicht über Morgen nachzudenken. Vielmehr meine ich, wir müssen die Freiheit verstehen, die uns gegeben ist, jeden Tag neu zu entscheiden, was für ein Mensch wir sein wollen, in den aktuellen Umständen. Wir müssen lernen, integer zu handeln, nicht auf die Erlaubnis von irgendwem zu warten, und einfach loslegen. Die Welt in Freiheit neu denken, und ein großes Stück friedlicher, bewusster, liebevoller zu machen. Wenn ich aus Integrität handele, dann endet meine Aktion nicht mit dem Abflauen einer Bewegung. Ich gehe weiter meinen Weg, für den ich mich in Freiheit entschieden habe. Heute wird der Begriff Freiheit oft missbraucht, um Wachstum, übertriebenen materiellen Reichtum Leben ohne Maß und willkürlichen Konsum zu rechtfertigen. Das ist für mich jedoch keine Freiheit, denn diese endet dort, wo ich andere in Gefahr bringe durch mein Handeln. Es ist ein goldener Käfig, in den ich hineingeboren wurde, den ich nicht gewählt habe, welcher mich in einem System erwachsen werden lässt, wo es selbstverständlich ist, nicht wissen zu wollen, auf wessen Kosten wir leben. Dieser Lebensstil wird durch Leid und Grausamkeit möglich gemacht, durch Kinderarbeit, Ausbeutung und modernen wirtschaftlichen Imperialismus.

Ich möchte aus Mitgefühl handeln, an die Menschlichkeit der Entscheidungsträger*innen von heute appellieren, denn morgen, werden wir als nachfolgende Generation die Konsequenzen tragen. So versuche ich jeden Tag meine Rolle zu finden in aktivistischen Gruppen, denn die Gesellschaft von heute erscheint mir oft so fremd. Ich frage dich als Leser*in, was deine Rolle ist, welche Fähigkeiten du gerne einsetzen möchtest, um die Welt zu verändern, was der konkrete tägliche Beitrag sein kann. Wobei es mir wichtig ist, dass du bei meiner letzten Frage nicht nur an persönliche Konsumentscheidungen denkst, denn das allein reicht nicht. Wenn es in einem System fast unmöglich ist, klimagerecht zu leben, dann sollten wir über Alternativen dafür nachdenken.

Seit ich den Workshop besucht habe, gehe ich bewusster mit leistungs- und ergebnisorientierten Gedanken um. Ich atme öfters tief durch, entspanne mich bewusst und versuche nur meinen Atem, meine Hände oder meine Füße zu spüren, um nach der Reizüberflutung zu mir zu kommen. Meine Pausen sind nicht für mein Smartphone gedacht, welches mir so oft Zeit raubt. Sie sind nur für mich, und meine Erholung.

Ich freue mich sehr, dass du bis hier gelesen hast und auf meinem Blog gelandet bist. Wenn du Benachrichtigungen bekommen möchtest, wenn ein neuer Text online ist, dann abonniere meinen Blog. Ansonsten wünsche ich dir eine schöne Zeit und pass auf dich auf.

Veröffentlicht von Lotte Marie

Wer bin ich? Wenn das so einfach zu beantworten wäre, dann wäre es vermutlich nicht eine Frage, welche ich mir so oft gestllt hätte. Es gäbe auch nicht unendliche online Tests, Leitfäden, nur um sich selbst zu finden. Und das obwohl ich ja immer bei mir bin. Rein theoretisch zumindest. Wie es sich in der Nacht verhält, im Zustand des Vertieftseins, das ist eine ganz andere Geschichte. Also um diese Frage zumindest oberflächlich zu streifen hier ein paar Randnotizen zu mir als Person, auch wenn du mich in meinen Texten vermutlich viel eher kennenlernen kannst, als in so einer Vita.

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