Selbstliebe


Ich will nicht geliebt werden für eine Leistung. Auch nicht für meinen Status, mein Aussehen oder dafür, dass ich bin wie es sich andere wünschen. Ich werde keinem dieser Bilder je entsprechen können. Es sind letzlich nur Erwartungen, Wunschträume, Trugbilder, leerer Schein. Das, wofür ich geliebt werden möchte, ist meine bloße Existenz, meine Haltung und meine Leidenschaft. Denn meine ganze Unvollkommenheit, und die der Welt, kann ich nicht als Mangel empfinden, sondern als Entwicklungspotential. Als Möglichkeit, zu wachsen.
Unfreiwillig stehe ich schon wieder vor dem kleinen Spiegel im Badezimmer, überlege, ob ich nicht doch noch ein bisschen Make-Up hier, und ein bisschen mehr Sport da gebrauchen könnte. So ist diese Forderung, geliebt zu sein, nur Aufgrund der eigenen Existenz zunächst an mich selbst gerichtet. Im nächsten Schritt möchte ich darauf aufmerksam machen, wie oft wir anderen Menschen mit einer Erwartung begnen. „Weil ich das mache, verdiene ich auch…“ oder „Oh, jetzt bin ich dir etwas schuldig…“ sind oft gedachte und gesprochene Sätze. Ich frage mich, woher diese Tauschlogik im Zwischenmenschlichen kommt.

Ist er*sie auf meinem Level? Passen wir zusammen?

Ich finde das ziemlich gruselig, diese Suche nach diesem Menschen, der „auf meinem Level“ ist, mein Niveau hat. Das fühlt sich nicht nach Liebe, nach Offenheit und Entfaltung an, sondern nach einem, nach kapitalitischer Logik geformten, Korsett. Nach einem neuen „Markt“, der sich eröffnet. Als müsse ich jetzt Werbung für mich machen, mich als Produkt präsentieren, in mich investieren. Mein Charakter, meine Leidenschaften, meine Gefühle und wer ich bin, bleiben dabei auf der Strecke.

Ich bin nicht genug. Warum kann ich das nicht so gut wie die Anderen? Das kann ich doch gar nicht.“

Woher kommen diese Sätze? Ist es die Bildung, die Erziehung? Die Schule ist rational. Die Gefühle, das Gespür für den Körper lernen wir nicht durch arithmetische Formeln und Rechtschreibung. Oft bekommen wir von Lehrer*innen und der Gesellschaft gesagt: „Stell dich nicht so an…, Iss deinen Teller leer… Nimm dich mal ein bisschen zurück.“ Aber sagen diese täglichen Botschaften uns nicht ständig, „du bist nur in Ordnung, wenn du so bist, wie es andere wollen“?

Doch was nun? Ich muss mich anpassen, um nicht aufzufallen, um nicht von den Lehrpersonen bloßgestellt, von den anderen Kindern geärgert zu werden. Ich möchte unsichtbar werden, mich ständig perfektioneiren, um dazu zu gehören. Und all das, um geliebt zu werden?

„Mit der neuen Zahnpasta von XXX sind deine Zähne jetzt strahlend weiß! Und damit wird deine Haut völlig Faltenfrei„, sagt eine junge Frau mit gekünsteltem, wortwörtlich blendendem Lächeln.

Eine junge Frau räkelt sich auf einem Liegestuhl. Sonnenstrahlen werden von den „perfekt“ rasierten, gebräunten Beinen reflektiert. Sie lacht mit blended weißem Gebiss, als ein junger Mann, augenscheinlich einem Fitnessstudio frisch entlaufen, um die Ecke biegt. Jetzt wird ein Rasierer angeprisen, welcher mir verspricht, ich werde garantiert genau so aussehen, und diesen Mann haben, auch so glücklich sein, wenn ich damit die Beine rasiere. Ich stocke. So werde ich niemals aussehen. Ich kann nicht so unnatürlich perfekt sein. Egal was ich trage, was ich tue, ich bleibe ich selbst. Eigentlich will ich gar nicht auf diese Werbung hereinfallen, welche mir heteronormative, unrealistische Menschen zeigt, an unrealitischen Orten, mit Photoshop perfektioniert. Das alles sagt mir, ich bin nicht gut genug, ich müsse noch besser werden, ich müsse aussehen, wie die Models in der Werbung, um etwas wert zu sein. Auch auf Social Media Kanälen werde ich ständig mit Schönheitsnormen, den neuesten „Trends“ und dem perfekten neuen Make-Up konfrontiert. Letztes Jahr habe ich absichtlich meine Abonnements von Kanälen beendet, wo ich gemerkt habe, dass ich mich ständig vergleiche mit perfekt trainierten Körpern und glatt rasierten Beinen. Sich vergelichen an sich ist nichts schlechtes. Es kann mich motivieren, mein Potential zu entdecken, Dinge zu lernen, mich inspirieren. Aber wenn ich mich dadurch schlechter fühle, überlege, ob ich gut genug bin, mich herabwerte, dann tut das nur der Kosmetikindustrie gut.

Ist es nicht viel wichtiger, zu lernen, sich selbst zu lieben oder zumindest anzunehmen? Denn das ist für mich Herausforderung genug. Nachdem ich in dieser Gesellschaft großgeworden bin, andauernd mit normativen Schönheitsidealen konfrontiert wurde, möchte ich nun nach und nach lernen, mich selbst wertzuschätzen und zu lieben. Das funktioniert an vielen Tagen gut, manchmal gar nicht. Und das ist völlig okay. Denn das ist kein Wettbewerb, kein Zwang. Nur ein Weg, einen Schritt zu mir mir zu machen, um dann anders durch die Welt gehen zu können.

Hab Mut, du bist genug.

Veröffentlicht von Lotte Marie

Wer bin ich? Wenn das so einfach zu beantworten wäre, dann wäre es vermutlich nicht eine Frage, welche ich mir so oft gestllt hätte. Es gäbe auch nicht unendliche online Tests, Leitfäden, nur um sich selbst zu finden. Und das obwohl ich ja immer bei mir bin. Rein theoretisch zumindest. Wie es sich in der Nacht verhält, im Zustand des Vertieftseins, das ist eine ganz andere Geschichte. Also um diese Frage zumindest oberflächlich zu streifen hier ein paar Randnotizen zu mir als Person, auch wenn du mich in meinen Texten vermutlich viel eher kennenlernen kannst, als in so einer Vita.

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