Ernste Gedanken

Eigenes Bild, Italien 2019

Corona-Frühling

Es ist so schnell Frühling geworden. Die Pflanzen strecken ihre hellgrünen, zarten Blättchen gen Sonnenlicht. Um mich herum singen Meisen, Amseln, in der Ferne krächzt empört eine Elster. Und obwohl es wunderschön hier draußen ist, sehe ich fast keine Menschen. Ist es die Angst vor einer Corona-Infektion? Oder schlafen alle noch, an diesem Sonntagmorgen? Ich sitze hier allein im Park, und habe Hoffnung und Angst beim Gedanken an die Welt.

Am Beispiel des Coronavirus habe ich gesehen, wie schnell unsere Regierung entscheiden kann, wie schnell gehandelt wird, wenn der politische Wille da ist. Wie schnell Fernflüge weniger werden, wie schnell strenge Maßnahmen eingeleitet werden zum Schutz der Bevölkerung. Wie viele Menschen ein Verständnis für die Maßnahmen zu haben scheinen.

Es steckt ein Potential darin, dass wir jetzt so viel Zeit haben, nachzudenken, andere Formen der Zusammenarbeit auszuprobieren, miteinander zu sprechen und gute Bücher zu lesen. Wir könnten uns mit dem Sinn unseres Lebens beschäftigen, Atem holen und neue Entscheidungen treffen. Wir könnten die Zeit nutzen, unser Leben zu verändern.

Doch neben der Hoffnung, dem Potential habe ich Angst. Ich sehe, wie Menschen auf der Flucht an der Grenze zu Europa leiden müssen, mit Abschiebungen rechnen müssen, wie sie erschossen werden. Währenddessen ertrinken tausende Menschen im Mittelmeer, müssen in Lagern unter unmenschlichen Bedingungen leben, und die Nächte in Kälte und Hunger verbringen müssen.

Geflüchtete Menschen, die von türkischer Seite aus über die Grenze nach Griechenland gelangen wollen, werden mit Hochdruckgeräten, die üblicherweise in Windkanälen für Fallschirmspringer eingesetzt werden, von der Grenzpolizei davon abgehalten, die Grenze zu überqueren. Mit den riesigen Ventilatoren wird Rauch und Tränengas auf die türkische Seite geblasen. (wa.de, Stand 15.3.2020, 12:30 Uhr)

Es wird von EU-Seite weiter gerüstet, Frontex unterstützt die „freiwillige“ Rückkehr von Geflüchteten in ihr Herkunftsland. Ursula von der Leyen konzentriert sich laut ihrer Twitter-Ankündigung (11.3.2020, https://twitter.com/vonderleyen) lieber auf die Bekämpfung von Corona, als auf die Zukunft von 5500 minderjährigen Menschen, die ohne Begleitung an der Grenze zu Griechenland warten.

Wie schnell das Ideal der Menschenrechte und der Menschenwürde vergessen scheint. Mir macht es Angst, dass während einer solchen Menschenrechtskatastrophe der politische Fokus auf einem Virus liegt.  Dass Menschen aus Angst um sich selbst kiloweise Vorräte kaufen, wogegen im Angesicht der Klimakrise und der Menschenrechtslage an den Grenzen der EU viel zu wenig getan wird.

Mir macht es Angst, dass in einer solchen Zeit, in den Corona-Meldungen immer präsent sind, so wenig über den Wandel gesprochen wird, der in unserem Zusammenleben, unserer Wirtschaft und in unserer Politik kommen muss, um der Klimakrise in Zukunft entgegen zu treten. Dass mit Tränengas gegen schutzsuchende Menschen vorgegangen wird. Dass Menschen an der Grenze erschossen werden. Dass Identitäre und Neonazis aus ganz Europa nach Lesbos fahren, um Geflüchtete zu jagen. (www.rnd.de, deutsche-neonazis-auf-lesbos, Stand 15.3.2020)

Während die Natur um mich herum so friedlich scheint, als würde sie Atem holen, ist die Welt im Krieg. Menschlichkeit wird zur Phrase und jeder schützt sich selbst zuerst. Doch der Himmel über den Metropolen in China ist wieder zu sehen. Der CO2 Ausstoß sinkt. Doch dies kann nicht der Weg in Zukunft sein. Wir können keine Schulen, öffentlichen Einrichtungen schließen, Versammlungen verbieten wegen der CO2-Bilanz. Aber die Zeit ist spätestens jetzt gekommen, über unsere Zukunft als Menschheit ernsthaft zu reflektieren.

Ich möchte mit diesem Text nicht die Gefahren von Corona herunterspielen. Wir sollten alle auf uns aufpassen, unser Immunsystem stärken und uns gesund ernähren. Dennoch fällt es mir schwer anzunehmen, dass zum Beispiel in Frankreich alle Maßnahmen ergriffen werden zum Schutz der Bevölkerung vor dem Corona-Virus aufgrund von 91 Corona Toten, während allein 2019 nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mindestens 1283 Menschen im Mittelmeer ums Leben kamen, in den vergangenen fünf Jahren mehr als 19.000. (www.dw.com neue-tragödien-im-mittelmeer, Stand 15.3.2020)

Warum werden Menschenleben so unterschiedlich behandelt? Alle Menschenleben sind doch gleich viel wert! Es zeichnet ein trauriges Menschenbild, wie schnell gehandelt werden kann, wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten. Wie wenig dagegen bei Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und Menschenrechten passiert, wenn augenscheinlich der politische Wille fehlt.

Ich habe Hoffnung, dass wir uns in der kommenden Zeit beginnen, über unser Leben nachzudenken, Zeit mit der Familie verbringen und gute Bücher lesen, uns selbst hinterfragen. Ich zumindest werde das mal wieder tun.

Es ist eine merkwürdige Mischung zwischen Hoffnung, Trauer und Angst, die ich zu dieser Zeit spüre. Und das alles an so einem schönen Frühlingsmorgen, der so friedlich begann.

Veröffentlicht von Lotte Marie

Wer bin ich? Wenn das so einfach zu beantworten wäre, dann wäre es vermutlich nicht eine Frage, welche ich mir so oft gestllt hätte. Es gäbe auch nicht unendliche online Tests, Leitfäden, nur um sich selbst zu finden. Und das obwohl ich ja immer bei mir bin. Rein theoretisch zumindest. Wie es sich in der Nacht verhält, im Zustand des Vertieftseins, das ist eine ganz andere Geschichte. Also um diese Frage zumindest oberflächlich zu streifen hier ein paar Randnotizen zu mir als Person, auch wenn du mich in meinen Texten vermutlich viel eher kennenlernen kannst, als in so einer Vita.

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