Krisenlehre?

Was können wir aus der Covid-19 Pandemie lernen?

Eigenes Bild, März 2020

Ich bin mir meines Privileges wohl bewusst, dass ich in Zeiten wie diesen den Atem und die Ruhe habe, über die Chancen und Lehren einer Krise nachzudenken. Auch sehe ich nicht nur eine Chance, sondern auch eine Gefahr. Es wäre unangebracht in der jetzigen Lage, die beiden Krisen gegeneinander auszuspielen oder die eine als Lösung der anderen zu betrachten.

Doch auch heute, und mit jedem vergangenen Tag, an dem nicht entschlossen die politischen Maßnahmen für Klimagerechtigkeit und Klimaschutz umgesetzt werden, verrinnt das Jahr, welches wirdafür nutzen müssen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass es wichtig ist, gerade in Krisensituationen mit ganz viel Achtsamkeit in die Welt zu schauen. Im Moment können wir sehen, auf welch wackligen Beinen unser System steht. Die Unterbezahlung in u. A. Krankenhäusern, Supermärkten, Verkehr und Altenpflege tritt deutlicher hervor denn je. Die COVID-19 Pandemie wird zudem wirtschaftliche Nachwirkungen haben, die Zahlen und Einschätzungen variieren im Moment noch stark. Dennoch lässt sich mit der drohenden Wirtschaftskrise auch eine soziale Krise erahnen. Jetzt kommt es darauf an, auf den verletzlichsten Teil unserer Gesellschaft zu schauen, denn letztendlich sitzen wir alle im gleichen Boot. Ganz besonders jetzt merken wir das, wo an fast allen Orten der Welt eine ähnliche Situation im Hinblick auf die Corona – Pandemie vorzufinden ist. Die Länder, welche über die geringsten finanziellen Ressourcen verfügen, und somit wenig Kapazitäten in ihrer Gesundheitsversorgung haben, werden nun von den Auswirkungen der aktuellen Ausnahmesituation am härtesten getroffen. An dieser Stelle lässt sich mit Vorsicht eine erste Parallele zur Klimakrise erkennen. Wenn wir über die Klimakrise sprechen, so wird auch in diesem Zusammenhang deutlich, dass sich globale und soziale Ungerechtigkeiten dadurch verstärken. Die Klimaaktivsitin Vanessa Nakate aus Uganda berichtete in einem Webinar von Fridays for Future Deutschland, dass in ihrer Heimat die Klimakrise schon lange keine Frage der Zukunft mehr ist. Menschen verfügen über weniger Nahrung, weniger Trinkwasser, der Meeresspiegel steigt und zerstört die Lebensgrundlage von vielen Menschen. Besonders Frauen sind von den Auswirkungen betroffen, denn sie müssen lange Strecken gehen, um sauberes Trinkwasser zu holen, es gibt nicht genug Nahrung für die Familien und nicht genug Zugang zu Bildung. Durch fehlende Bildung und eine unsichere Lebensgrundlage ist nicht allein die Gegenwart von Menschen in Gefahr, sondern auch die Chancen für die Zukunft werden verbaut. Um all dem nicht mehr nur zusehen zu müssen, ging Vanessa auf die Straße, um zu protestieren. „I did it for humanity“ sagt sie in einem Webinar von Fridays for Future Deutschland. „We can´t just watch, we have to raise our voices!“ Doch auf die Straßen zu gehen, und für Klimagerechtigkeit zu protestieren, das ist in Uganda mit Gefahren verbunden. Es ist sehr riskant und es gibt nicht viel Meinungsfreiheit. [1]

„Justice has to be for everyone!“[2] sagt Vanessa Nakate. Wir müssen die Stimmen der Betroffenen der Klimakrise endlich hören, und etwas tun.

Doch wie können wir mit der Klimakrise umgehen? Ich denke, einer der wichtigsten Schritte wäre, die Klimakatastrophe als eine solche nicht nur verbal anzuerkennen, sondern auch dementsprechend zu handeln. An der Corona – Krise, und den damit einhergehenden Maßnahmen konnten wir erkennen, dass unsere Regierung sehr wohl über Handlungsspielräume verfügt. Da wir bei der Klimakrise jedoch nicht autoritär die Grundrechte von Menschen einschränken, und die Lebensgrundlage von anderen gefährden wollen, müssen wir rechtzeitig beginnen, auf demokratischer Basis klare Regelungen einzuführen. Diese könnten z.B. durch Bürger*innenräte erarbeitet werden in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen, dazu komme ich später.

Besonders Solidarität ist in einer Krisensituation einer der wichtigsten Faktoren für deren Bewältigung, und diese muss dabei Alle miteinbeziehen. Das gilt nicht nur für gerechte Bezahlung in den wirklich relevanten Berufen, sondern auch auf globaler Ebene. Was wir brauchen ist ein Paradigmenwechsel, von Wettbewerb zur Kooperation, von der Konkurrenz zur Zusammenarbeit und zur gemeinsamen Krisenbewältigung. Eine Wirtschaftskrise bringt zwar einen Rückgang der CO2-Emissionen mit sich, doch wie wir an der letzten Finanzkrise sehen können, schnellen bei einer Beibehaltung des Status Quo die Emissionen danach global in die Höhe. Diesen sogenannten „Rebound-Effekt“ konnten wir 2008 beobachten, wo die Emissionen nach der Krise um 5,9 Prozent anstiegen. Das können wir uns diesmal nicht mehr leisten, wenn wir nicht mit der Lösung des einen Problems das andere direkt befeuern wollen. Auch müssen wir uns diesmal definitiv die Frage stellen, was wollen wir nach der Krise wiederaufbauen? Das letzte Mal wurden „systemrelevante“ Industrien, Konzerne und Banken gerettet, doch was ist diesmal relevant? Wir können nicht so weitermachen wie bisher, das ist deutlich, also sollten wir uns jetzt schon anfangen über die Umsetzung von schon existierenden Lösungen nachzudenken. Darüber, was diesmal als „systemrelevant“ gelten soll.

Was können wir an dem politischen Umgang mit der COVID-19 Pandemie lernen? Ich denke, eine der grundlegendsten Beobachtungen ist der Unterschied, den es macht im Verhalten der Menschen, wenn eine Krise deutlich als solche behandelt wird. Bei der Klimakrise geht es sich nicht nur um die Erderwärmung, sondern sie ist gleichzeitig eine Gerechtigkeitskrise, eine Gesundheitskrise und eine ökologische Krise. Dazu kommen humanitäre Faktoren wie Flucht, zerstörte Lebensgrundlagen und Hunger. Um endlich einen adäquaten Umgang mit dieser Situation zu finden, brauchen wir nicht nur uneingehaltene Klimaziele, Co2-Steuern und wirtschaftliche Anreize, sondern wir müssen uns schon heute auf die Klimakrise vorbereiten und klare Gesetze orientiert an den unbestreitbaren Regeln der Natur aufstellen. Wenn wir den politischen Willen und das Engagement beobachten, was die Politik im Hinblick auf die Corona-Krise zeigt, so wird deutlich: „Wenn sie will so kann die Welt. Also will sie nicht beenden das Krepieren in den Kriegen, das Verrecken vor den Stränden und, dass Kinder schreiend liegen in den Zelten, zitternd, nass. Also will sie. Alles das.“[3]

Scheinbar hat hier die Politik keine Scheu, mit Gesetzen und klaren Regeln vorzugehen, sogar Grundrechte einzuschränken. Das bedeutet nicht, dass ich dafür kein Verständnis habe und die Beweggründe nachvollziehen kann und unterstütze. Ich frage mich nur, warum bei der Klimakrise, die uns mindestens genauso treffen wird und die heute schon Leben fordert, nicht so entschlossen vorgegangen wird. Wenn wir jedoch nur annähernd auf gesetzliche Regelungen beim Thema Klimaschutz zu sprechen kommen, so fallen Begriffe wie „Ökodiktatur“. Dabei wollen wir genau das verhindern. Wir sollten es nicht so weit kommen lassen, dass wir undemokratisch mit grundrechtseinschränkenden Maßnahmen durchgreifen müssen. Noch haben wir die Möglichkeit, demokratisch, im vollen Verständnis der Ernsthaftigkeit der Lage, in Zusammenarbeit aller Generationen, und zusammen mit schon heute Betroffenen der Krise, unsere gemeinsame Vorgehensweise zu erarbeiten. Folglich handelt es sich eher um eine „Ökodemokratie“, wenn wir so wollen. Bei einer solchen Verhandlung, z.B. in Form einer Bürger*innenversammlung könnte es zunächst um die Frage gehen, wie wir zu vernünftigen Beschränkungen kommen, die nicht die bestehenden Ungleichheiten verstärken, oder auf den Schultern der Verletzlichsten unserer Welt getragen werden. Das, was einige Wenige als das Ausleben ihrer „Freiheit“ bezeichnen, ist in meinen Augen stark zu hinterfragen. Woher nehmen wir das Recht, auf Kosten anderer zu Leben? Woher nehme ich die Annahme, das Recht zu haben, Dinge zu konsumieren, die unter Bedingungen hergestellt werden, die weder Menschenwürde noch den Wert von Natur und Ressourcen respektieren. Endet deine Freiheit nicht, wenn andere für dich sterben?

Auch müssen wir uns fragen, was denn wirkliche „Einschränkungen“ wären. Was ist denn schlimmer, kein sauberes Trinkwasser zu haben, oder nicht mit dem SUV durch die Städte kurven zu dürfen? Der Verlust der Natur, das Aussterben von Tierarten, oder der kurze „Genuss“ eines Steaks? Ein Verbot von Kohlestrom und Fracking, oder der Verlust der Ökosysteme? Wäre das Verbot von Werbung, welche mir täglich vorgaukelt, etwas zu brauchen, noch mehr konsumieren zu müssen, entgegen dem Wissen der endlichen Ressourcen und den Grenzen des Wachstums, ein Verlust? Was ist wahre Freiheit? Der heutige Begriff von Freiheit als einer Wirtschaftsfreiheit reicht in meinen Augen nicht aus für die Zukunft. Ich denke, wir müssten uns einen neuen Begriff der Freiheit bilden, die auf einem Menschenbild basiert, welches ganzheitlich ist, und der Akzeptanz und Bewahrung der Würde beruht. Eine gängige Definition von Freiheit ist, uneingeschränkt und befreit zu leben. Eine aktuelle Frage wäre nun, was es bedeutet uneingeschränkt zu leben. Sind die Einschränkungen, welche durch die Zerstörung des Ökosystems schon heute zu sehen sind, nicht die gravierendsten für uns Menschen, die wir Organ dieses Systems „Erde“ sind?

Heute ist der Moment, zu beginnen, etwas zu verändern. Stück für Stück, mit der Haltung und dem Menschenbild beginnend, über die Familie, die Arbeit, hinaus in die Welt. Heute ist der Zeitpunkt, Teil eines großen Wandels zu sein. „Hoffnung kommt durch Handeln, aber man kann auch handeln ohne Hoffnung“ sagt vor einiger Zeit Felix, ein Coach zu mir, als ich mich in einer sehr verzweifelten Lage wiederfand. Und das ist wahr. Ich selbst aber handele heute mit sehr viel Hoffnung, denn ich glaube daran, dass ein Wandel möglich ist. Denn wir sind viele, und wir werden mit jedem Tag mehr.


Quellen:

[1] Youtube: Fridays for Future DE, Webinar mit Vanessa Nakate, 4.4.2020

[2] E.b.d.

[3] Lokalkompass.de: „Die Corona-Lehre“, Thomas Gsella 21.3.2020

Veröffentlicht von Lotte Marie

Wer bin ich? Wenn das so einfach zu beantworten wäre, dann wäre es vermutlich nicht eine Frage, welche ich mir so oft gestllt hätte. Es gäbe auch nicht unendliche online Tests, Leitfäden, nur um sich selbst zu finden. Und das obwohl ich ja immer bei mir bin. Rein theoretisch zumindest. Wie es sich in der Nacht verhält, im Zustand des Vertieftseins, das ist eine ganz andere Geschichte. Also um diese Frage zumindest oberflächlich zu streifen hier ein paar Randnotizen zu mir als Person, auch wenn du mich in meinen Texten vermutlich viel eher kennenlernen kannst, als in so einer Vita.

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